Von der Heroinspritze auf der Straße bis zum Millionär im Nobelhotel – Frankfurt City Life

Skyline Frankfurt bei Tag

Am Tag unserer Ankunft war ich völlig baff. Ich habe mich gefühlt, wie in einem fremden Land. Hochhäuser! Wolkenkratzer! Hollywood-Großstadt-Feelings! Der Hammer.

Ist neu immer besser?

Ich war auf den ersten Blick in Love. Bisher war nur die Frankfurter Buchmesse ein Thema, aber ich bin ja tatsächlich in einer – für mich – völlig neuen Stadt! Glitzernde Glasriesen überragen alte geschichtsträchtige Häuser. Ein Fokus a la Frankfurt wird klar: Neues bekommt hier deutlich mehr Aufmerksamkeit. Während leerstehende, wunderschön-traurige Altbauten verkommen, wird im Hintergrund der Skyline ein neues Bankgebäude gebaut. Eins neben fünf weiteren. Eine riesige Krawatten-Statue dient vermutlich als Symbol einer vorherrschenden Männerdomäne der Frankfurter Vielarbeitergesellschaft.

Ein Mal durch’s Bahnhofsviertel

Wir fuhren durch die Innenstadt auf der Suche nach unserem Hotel „25 hours the trip“ durch das Rotlichtviertel und dem Bahnhofsviertel. Man kann wohl sagen, dass beides hier etwa im gleichen Viertel zu finden ist. Durch die größtenteils rot beleuchtete Straße zu fahren war für mich ebenfalls etwas völlig Neues, aber nichts Abschreckendes. Sexarbeit ist bekanntlich das älteste Geschäft der Welt und in meinen Augen etwas völlig Normales. Auch wenn die Formen der Zusammenkünfte natürlich nicht immer unserer Moral entsprechen. Wir kamen jedoch auch an einer Straße vorbei, in der ich zunächst ein Asylheim vermutete. Etwa 60 bis 70 Menschen besetzten die ganze Straße, spielten Fußball und unterhielten sich von Straßenseite zu Straßenseite, als ob gerade kein Auto auf sie zugefahren komme.

Gemischte Gefühle breiteten sich in mir aus. Erst empfand ich es als Frechheit, uns dermaßen aufzuhalten; dann stieg in mir eine Sympathie auf. Dieses Straßenbild bekommt man nicht oft zu Gesicht, es erinnerte ein bisschen an ein US-amerikanischen Film, der in einem New Yorker Ghetto spielt. Und ich dachte mir: Ja, warum eigentlich nicht. Straße ist überall, hier wird sie eben zum gesellschaftlichen Treffpunkt. Am selben Tag liefen wir dann abends durch die selbe Straße zurück zum Hotel, nachdem wir uns etwas zu Essen besorgt hatten; und es stellte sich heraus, dass sich dort eine Methadon-Station von der Integrativen Drogenhilfe e.V. befand. Die Stimmung war ohne den Schutz des Autos doch nicht mehr ganz so sympathisch und nebenbei bekam ich mit, wie ein älterer Herr im Rollstuhl sich eine Heroin-Nadel in den Arm haute. Im Fernsehen hat man schon so einiges gesehen und gehört. In den Medien erschreckt einen eigentlich nichts mehr. Aber diese Normalität der geistigen und gesundheitlichen Selbstverstümmelung auf Frankfurts Straßen ist wohl das Schlimmste, was ich je live gesehen habe. Und das war nicht mal der erschreckendste Anblick, den ich an diesem Wochenende geboten bekam.

Frankfurter Hauptbahnhof Außenfassade bei Nacht
Frankfurter Hauptbahnhof bei Nacht

Luxus neben Leid – Leid neben Luxus

Im Hotel angekommen beschlossen wir dann noch in die Sauna auf der Dachterrasse zu entspannen. Es fühlte sich an wie ein Paralleluniversum – von den 50 Obdachlosen und/oder Junkies auf der Straße in das wunderschöne, warme Hotel mit Sauna und Dachterrasse. Ich muss sagen, ich hatte auch ausgesprochen positive Gefühlsregungen an diesen Tagen. Die Dachterrasse bot uns einen wunderschönen Blick auf die Skyline und ich erlebte einen dieser meditativen, erleuchtenden Momente, die das Leben manchmal für uns bereit hält und mich daran erinnert, dass ich zu den glücklichsten und reichsten Menschen dieser Welt gehöre; und dass alles möglich ist, wenn ich meine Ziele nur gut genug manifestiere. In der Sauna erzählte mir mein Partner noch von seinen filmreifen Erlebnissen in New York und ich merkte erneut, wie glücklich mich seine Lebenseinstellung macht und wie dankbar ich bin, Teil seines Lebens sein zu dürfen.

Die saubere Innenstadt – Der Luxus nebenan

Am nächsten Tag machten wir uns also auf zur Messe, die etwa 20 Minuten Fußweg entfernt war. Wir beschlossen natürlich zu laufen. Der Weg dorthin führte uns zurück in die Innenstadt, die – 2 Straßen vom Bahnhofsviertel entfernt – ein ganz anderes Feeling bot. Großstadt, laut meines Partners schon nahezu New-York-mäßig, mit Bankgebäuden, teuren Autos, Nobelhotels und überraschend sauberen Straßen. Für ein paar Stunden vergaß ich das Leid, das sich 500 Meter Luftlinie entfernt abspielte. Aber es sollte noch viel verrückter kommen als den Luxus, den ich bis dahin schon erlebt habe.

Auf dem Weg in die Autorenbar

Am Abend wollten wir noch in eine schicke Bar, die wir auf dem Weg zur Messe entdeckten. Als mein Partner dort anrief, hieß es jedoch, sie sei geschlossen. Uns wurde die Autorenbar im Steinberger Frankfurter Hof empfohlen. Hört sich gut an, hab ich mir gleich gedacht – aber ob wir da auch hinpassen?

Google Maps schickte uns also durch die Stadt und ich war ganz nervös wegen der Frage, was uns dort wohl erwarten würde. Durch fremde Städte zu spazieren könnte ich mein Hobby nennen. Die Zusammensetzung verschiedenster Gebäude, von Altbau bis DDR-Block, erzählen meist schon viel über die Geschichte eines Ortes. In Dessau erkennt man zum Beispiel, dass Vieles im 2. Weltkrieg zerbombt wurde und in der DDR andere Prioritäten galten, als Altes zu erhalten oder neu aufzubauen. Stattdessen ist Dessau voll von den typisch grauen Plattenbauten.

Als wir an einer Kreuzung landeten, war ich erstaunt von dem Anblick, der sich mir bot. An der einen Hauswand wurde Text und Bild des Projektes @heuteschreibich projiziert, dann ragte der Mercedes-Stern auf einem Hochhaus und gegenüber befand sich ein wunderschönes, offenbar geschichtsträchtiges Gebäude – wobei es eher den Namen „Anwesen“ verdient. Der Eingang war umrahmt von verzierten Steinsäulen und die Fassade wurde wunderschön beschienen von durchdacht installierten Strahlern. „Steinberger Frankfurter Hof“ konnte ich von Außen lesen, was mir aber nicht sehr viel darüber verriet, was sich Innen befand. Ich schoss ein paar Fotos und wir gingen nach ein paar Minuten stiller Bewunderung dieses Augenblicks weiter.

Steinberger Frankfurter Hof bei Nacht, Froschperspektive
Steinberger Frankfurter Hof
(Ja, ich brauch eine bessere Kamera…)

Hier haben wir nichts zu suchen!

Google schickte uns in die Seitenstraße links von dem beeindruckenden Gebäude und dann… waren wir auch schon da. Die Autorenbar befand sich natürlich genau in diesem Gebäude, in da ich mich bereits schockverliebt habe. Mein Freund zögert in solchen Momenten nicht und zog mich voller Selbstbewusstsein zum Eingang.

Auf dem Weg über die Straße habe ich ihm noch zugeflüstert: „Wir haben hier doch nichts zu suchen!“ Aber dann habe ich auch schon nachgegeben und mich meinem Schicksal hingegeben. Die Lesungen und Diskussionen, die im Zusammenhang mit der Buchmesse stattfanden, waren leider schon vorbei, also machten wir uns direkt auf die Suche nach der Bar, die wir dann auch relativ schnell fanden. Und ich schreibe „relativ“, weil dieses Gebäude einfach riesig war! Insgeheim wollte ich mir ein Prinzessinnenkleid anziehen und herumstolzieren, so wie in meiner Kindheit, als ich mir ein paar Decken als Kleid zusammenband. Aber das wäre vielleicht etwas unpassend gewesen…

Die Bar war genau, wie man sich so eine alte, teure Bar vorstellt. Der Eingang war ein offener Bogen und zwei Stufen führten uns in eine Art Separee, das mit dunklem, glänzenden Holz verkleidet war mit einigen dunkelgrünen Details und leuchtenden, perfekt polierten Gläsern. Natürlich gab es große, lederne Holzsessel für die Gäste. Auf meinen Wunsch ist suchten wir uns natürlich einen Platz in einer Ecke, in der ich alles beobachten konnte und mich selbst nicht beobachtet fühlen musste.

Am Nebentisch saß ein Mann, so Mitte 40, mit einer Zeitung und einer Lima, so als würde er in seinem eigenen Wohnzimmer sitzen und brabbelte ab und zu etwas vor sich hin. Dies lies mich darauf schließen, dass er schon etwas benebelt war. Als er dann mit einem Kellner so redete, wie ein alkoholisierter Vater mit seinen Kindern reden würde – „Er soll mir mal meine Brille aus dem Zimmer holen!“ -, vermutete ich, er würde öfter dort verweilen. Aber nun gut, ich war hauptsächlich hin und weg von dem Ambiente, das sich mir bot.

Wie das Leben so spielt…

Als wir dann die Karte bekamen, konnte ich erst einen etwas entsetzten und dann einen schmunzelnden Blick kaum verhindern. Das günstigste Getränk war der Aquavit für 9 Euro pro 2 cl. Warum mich das letztendlich amüsierte? Vor etwa zwei Jahren kellnerte ich in einem Hotel, das mir damals als sehr nobel erschien, und zwar das Maritim Hotel Magdeburg. Als Leiharbeiterin wurde ich behandelt… naja, wie man es in einem teuren Hotel eben erwartet. Und auf deren Karte war das Getränk, was an diesem Abend das günstigste war, dort aber das teuerste. Ich kam nicht umher die Umstände zu belächeln, dass ich nun – zwei Jahre später – als Gast in einem noch besseren Hotel eine Karte studierte, auf der Aquavit wie Berliner Luft angepriesen wurde. Wie das Leben so spielt…

Nun ja, die Gespräche mit meinem Traummann bleiben natürlich bei mir. Aber über den ganzen Abend verteilt bekam ich einige Wortfetzen mit, die darauf hinwiesen, dass der Mann, der sich ganz allein neben uns im Frankfurter Hof mit ganz viel Stil beklingelte, wohl Millionär sei. Was uns wieder zu dem Punkt zurückbringt: Du kannst alles erreichen, wenn Du willst. Du brauchst dafür offensichtlich auch nicht viel Niveau und auch keine besonders gute Grammatik!

Nach einigen Getränken und einer … hohen Rechnung, die aber eher auf die Preise hinwies als auf die Zahl unserer Getränke, beschlossen wir nach dem anstrengenden Tag zum Hotel zurückzukehren. Eigentlich wollten wir noch einen Absacker in der Hotelbar bestellen, die uns in der Nacht zuvor bis 3 Uhr wachgehalten hat und uns veranlasste, das Zimmer zu wechseln. Diese war jedoch schon geschlossen. Der Umzug hat sich gelohnt.

Galerie auf dem Innenhof des '25 hours the trip' Frankfurt bei Nacht
Innenhof des ’25 hours the trip‘ Frankfurt

Straßenbekanntschaften

Noch ein Eingang weiter ging es in einen Club, der uns auch von den Gästen davor empfohlen wurde, die scheinbar noch bei klarem Verstand waren. Allerdings war der Club nur für Geimpfte oder Genesene; und da wir zwar kurzfristig an eine Nadel gekommen wären, aber sicher nicht an die richtige, haben wir es dann gezwungener Maßen sein lassen. Die Gruppe junger Frankfurter, die uns die Bar empfahlen, blieben dann jedoch mit uns draußen und es kamen sehr interessante Gespräche und Personen zum Vorschein. Ein geschiedener Privatschullehrer, eine Studentin, eine Hebamme und eine Medizin studierende OP-Schwester. Also kann ich nicht behaupten, in Frankfurt würde man keine ambitionierten Menschen kennenlernen können! Sie schienen sich mit der Situation „Arm neben Reich“ bzw. mit den Drogen an jeder Ecke abgefunden zu haben, was mich etwas schockierte. Aber wahrscheinlich war es weniger eine Akzeptanz als mehr eine Resignation, die sich aufbaut, wenn Du in einer solchen Stadt wohnst.

Nach etwa einem Getränk für mich zu viel landeten wir endlich im Bett und ich freute mich schon auf den Kater am nächsten Morgen…

Noch eine Skurrilität zum Abgang

So sollte es auch kommen. Es musste etwas Fettiges her. Da wir am ersten Abend diesen tollen Australier „Kakadu“ entdeckt haben, beschlossen wir, dort doch mal Känguru-Fleisch zu probieren. So endete das Wochenende mit einer Bestellung über 60 Euro vom Australier, bei der es sich ausschließlich um Essen für die Fahrt handelte. Luxuriös geht die Welt zu Grunde…

Aber das war es noch nicht ganz. Mein Freund wartete dann in der S-Klasse seiner Mutter vor dem Hotel auf mich. Neben dem Auto kroch ein Mann auf dem Boden und ich überlegte, meine Hilfe anzubieten, jedoch winkte mich mein Freund ins Auto. Er erklärte mir, mit dem selben resignierenden Humor, mit dem die jungen Frankfurter über das selbe Thema sprachen, dass der junge Mann gerade seine Drogen auf dem Bürgersteig verschüttet hat und versuchte es aus den Rillen zwischen den Pflastersteinen zu kratzen. Dies gelang ihm wohl auch, da er es dann direkt vor Ort auf einer Treppenstufe über ein Röhrchen in sich aufnahm. Und ich kann Dir sagen: Das war das skurrilste und gleichzeitig traurigste Erlebnis meines bisherigen Lebens.

Nach einem Wochenende voller Leid und Luxus kann ich nun das Fazit geben: Diese Stadt ist nichts für mich!

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